Die
Schamgrenzen sind gefallen.
Ein Gespräch mit Jean Trouillet.
Seit mehr als 20 Jahren ist Jean Trouillet in Sachen Weltmusik unterwegs. Anfang
der 80er Jahre war er einer der ersten, der in Deutschland Konzerte mit
afrikanischen und karibischen Musikern veranstaltet hat. Als DJ, Veranstalter,
Publizist (u.a. „Weltbeat, das Ja-Buch für Globehörer“, Weinheim 1989,
www.gruenekraft.com)
und Mitarbeiter beim Weltmusik Label
www.networkmedien.de
zählt Trouillet heute zu den profundesten Kennern der Weltmusik-Szene, die
gemessen an den CD-Verkaufszahlen inzwischen zwar dem Klassikmarkt den Rang
abgelaufen hat, in der Wahrnehmung der Medien aber noch immer ein Nischendasein
fristet. Nicht zuletzt deshalb hat Jean Trouillet vor zwei Jahren seinen online
Newsletter Music Lover gestartet, mit dem er eine wachsende Zahl von Lesern
regelmäßig mit aktuellen Informationen und Veranstaltungshinweisen informiert.
Mit seinem “Musikalischen Wohnzimmer“ im Frankfurter Museum für Weltkulturen und
weiteren Veranstaltungsreihen ist es Trouillet darüber hinaus gelungen, in
Frankfurt am Main ein festes Forum für musikalische Grenzgänger zu etablieren.
Für pleasant_net, das den MusicLover regelmäßig im e-zine veröffentlicht, sprach
Johannes Bröckers mit Jean Trouillet über Weltmusik, musikalischen
Neokolonialismus und das Ende der deutschen Volksmusik.
pleasant_net (pn)_ Der Begriff Weltmusik fasst aus
unserer westlich europäisch geprägten Perspektive völlig unterschiedliche
Musikkulturen zusammen. Warum spricht man eigentlich nicht differenzierter von
afrikanischer, asiatischer oder arabischer Musik.
Jean Trouillet (jt)_ Der Terminus wird tatsächlich
häufig missbräuchlich im Sinne von Vereinnahmung benutzt und verstanden. Gerade
im bürgerlichen Feuilleton wird Weltmusik sehr oft in Anführungszeichen gesetzt,
weil der Begriff hier entweder ideologisch besetzt wird oder als Terminus für
Musik minderer Qualität benutzt wird. Beides ist falsch.
pn_ Wie ist der Begriff entstanden?
jt_ Historisch gesehen wurde der Begriff schon 1906
von Gregor Capellen geprägt. Damals wurde in Berlin immerhin das erste Institut
gegründet, dass sich wissenschaftlich mit der Erforschung fremder Musikkulturen
beschäftigt hat. Neu belebt wurde der Terminus dann Mitte der 80er Jahre. Da
haben sich in London verschiedene Labels getroffen, die diese Musik
veröffentlichten. Das Problem war nur, wo sollte die im Plattenladen stehen? Die
Musik von Youssou N'Dour ist ja eigentlich Pop, aber die Plattenläden verstanden
unter Pop nur britische und amerikanische Musik und weigerten sich einen Youssou
N'Dour dort einzuordnen. Für Musiker wie ihn gab es damals in „Besser
sortierten“ Plattenladen immerhin noch eine Ecke, die unter dem Stichwort
“Folklore der Welt“ geführt wurde. Also hat man sich auf den Terminus “world
music“ verständigt, der dann doch etwas sexier klingt. Eigentlich aus einem
Vertriebsproblem heraus.
pn_ Was aber versteht man unter Weltmusik genau?
jt_ Kurz und knapp würde ich das so zusammenfassen.
Weltmusik bezeichnet erstens lokale, traditionelle Musikformen und mündlich
überlieferte Kulturen. Zum zweiten sind das die zeitgenössischen Formen, die
sich aus diesen Traditionen entwickelt haben. Und drittens die Begegnung von
Musikern aus West, Ost, Süd und Nord.
pn_ Was war und ist dein Antrieb, dich mit diesem
Thema zu beschäftigen. Ist es der Wunsch musikalisches Neuland zu entdecken oder
siehst du dich als musikalischer Entwicklungshelfer?
jt_ Als ich Anfang der 80er Jahre angefangen habe,
Musiker aus Afrika und der Karibik hier zu uns zu holen, stand unsere Arbeit
unter dem Motto Entwicklungshilfe ins Herzen Europas zu tragen. Also eine
umgekehrte Entwicklungshilfe zu leisten und diese Musik und Energie zu uns zu
bringen, auf das die Menschen bei uns ein wenig lockerer werden. Dabei mussten
wir von Anfang an zwei Bilder korrigieren. Die Wahrnehmung von Afrika als dem
Land des Hungers und der Kriege und dieses typische Helfersyndrom, das nach dem
Motto funktioniert: “Wir gehen zu diesem Konzert hin, um den armen Menschen zu
helfen.“
pn_ Aber es spricht doch nichts dagegen, sich mit
dem gesellschaftlichen, politischen Background dieser Musik zu beschäftigen.
jt_ Nichts spricht dagegen. Aber Musik ist für mich
eine Geschichte, die zuallererst über das Ohr ins Herz geht und dann das Hirn
aktiviert. Musik ist eine ästhetische Ausdrucksform, die ich erst einmal als
solche begreifen muss und dann kann ich mich auch für die sozialen Milieus
interessieren. Ich habe mich für diese Musik entschieden, weil ich ihre Seele
und Authentizität gespürt habe. Ich war ganz einfach ein Fan und habe dann
Schritt für Schritt begonnen, mich für das, was ich liebe einzusetzen. Konzerte
zu veranstalten, Veranstaltungshinweise und Kritiken zu schreiben oder Platten
aufzulegen.
pn_ Apropos Authentizität. Die Jugendkultur der
60er und 70er Jahre hat sich in ihrer Protesthaltung sehr stark mit Rock´n Roll
identifiziert. Nun sind kürzlich in diesem irrsinnigen Krieg zwei
Panzerdivisionen mit den Namen “Heavy Metall“ und “Rock´n Roll“ gen Bagdad
gerollt. Und wir sitzen hier und fühlen uns um unsere Ideale betrogen.
jt_ Für meinen Geschmack hatte Rock´n Roll schon
immer auch eine reaktionäre Seite. Und wenn die Produktivkräfte des Kapitalismus
erst mal entfesselt sind, dann gibt es eben kein Halten mehr. Nebenbei: die
Jugendkultur im Westen hat in der 60er und 70er Jahren nicht erkannt, das die
Jugend Afrikas die gleiche Musik und die gleiche Mode geliebt hat wie wir. Wir
waren nie näher zusammen als zu dieser Zeit.
pn_ Läuft die Weltmusik nicht in die gleiche Gefahr
der Vereinnahmung durch das Business?
jt_ Das Thema der Vereinnahmung ist grundsätzlich
ein Problem. Für mich ist die Mutter aller Plünderplatten “My Life in a Bush of
Goasts.“ Von Brian Eno und David Byrne, erschienen 1981. Dieses Werk ist
immerhin noch die Frucht einer echten Auseinadersetzung mit anderen
Musikkulturen, ein großartiges Album, das immerhin die Quellen nennt - aber es
hat die Tür geöffnet. Viele weiße Musiker wie z.B. Oliver Shanti, mein liebstes
Hassobjekt, nehmen sich Fragmente traditioneller Musik, sampeln und mischen
zusammen, ohne zu fragen: Wer hat das komponiert, wo kommt das her? Selbst wenn
man das nicht als verwerflich betrachtet, tun sich als Ergebnis dieser Ignoranz
doch grauenhafte ästhetische Gräben auf.
pn_ Das heißt doch, das der Begriff „Weltmusik“
qualitativ, aber auch als Schlagwort für ein bestimmtes musikalisches Genre
verwässert und unbrauchbar wird.
jt_ Weltmusik hat neben Jazz, Klassik, Rock, New
Age und dance music in ihren unzähligen Subgenres einen sich stetig
vergrößernden Hörerkreis gefunden. Die erhöhte Mobilität der Menschen, ihre
Reisen, die sie in immer fernere Regionen und Länder führen, die
Vervielfältigung der Informationsmedien haben unter anderem dazu beigetragen,
dass das Interesse an fremden Kulturen und ihren musikalischen Ausdrucksformen
größer geworden ist. Dies drückt sich auch darin aus, dass viele Rock-, Jazz-
oder sogar klassische Musiker sich für die Verbreitung traditioneller und
ethnischer Musik einsetzen, den Dialog mit traditionellen und außereuropäischen
Musikern suchen oder wie in der aktuellen dance music "hook lines" und Rhythmen
sampeln. Doch "Weltmusik" ist keine Schublade mehr, in der man vor allem
Qualität erwarten kann. Dieses kleine Segment der Musikindustrie war vor zehn
bis zwanzig Jahren noch eine Spielwiese für Liebhaber und Fans, die mit
missionarischem Eifer andere für einen von ihnen soeben entdeckten Musikstil
oder Künstler begeistern wollten. Heute drängen neben den großen,
weltumspannenden Medienkonzernen auch abgehalfterte Ex-Rockmusiker und Labels
vom New Age-Markt in diese Nische. Ihre Maxime: "Du musst Sch**** nur mit der
richtigen Ideologie aufladen und dann wird aus ihr ein heilsames Produkt, das
Glückseeligkeit und Vervollkommnung über seine Konsumenten bringt." Diesen
Profiteuren ist es zu verdanken, dass der eigentlich ganz brauchbare, wenn
ideologiefrei benutzte Begriff "Weltmusik" mittlerweile im deutschen Feuilleton
als Synonym für Musik minderer Qualität gebraucht wird. Seriöse Künstler, Labels
und Produzenten sind in eine Situation geraten, sich für das, was sie machen,
ständig rechtfertigen zu müssen. Sie müssen sich absetzen gegen Leute, wie z.B.
Oliver Shanti, der sich mit 100.000-fach verkaufter Shamanen-Elektro-Sülze in
die Weltmusik-Schublade gemogelt hat.
pn_ Läufst du denn nicht in gewisser Weise selbst in Gefahr, vom
Entwicklungshelfer zum Wegbereiter einer neuen Form von musikalischer
Kolonialisierung zu mutieren?
jt_ Die Frage ist doch, wie geht man damit um?
Gegen Austausch und Zusammenarbeit ist doch gar nichts zu sagen. Aber ich kann
diese Produktionen mit Original-Musikern besetzen und dafür sorgen, dass der
Geldtransfer in diesem Geschäft auch in die Richtung läuft. Nehmen wir ein
Beispiel: In der ganzen Welt werden T-Shirts mit den Symbolen der Aboriginals
bedruckt und verkauft. Die einzigen die nichts daran verdienen, sind die
Aboriginals selber, weil ihr Copyright schlichtweg ignoriert wird. Hier sind die
Schamgrenzen total gefallen. So werden weder kulturelle noch wirtschaftliche
Brücken gebaut und die Gräben bleiben tief. Die Musiker hier arbeiten aus einer
ökonomisch stärkeren Position heraus. Sie hören etwas, setzen sich an den
Computer und basteln drauf los. In den 80er Jahren war es für einen Musiker in
Afrika noch eine Sensation überhaupt eine elektrische Gitarre zu besitzen – da
sieht man das ökonomische Ungleichgewicht.
pn_ Was muss sich verändern, um die Bedingungen für
eine offenen, ökonomisch fairen und auch musikalisch interessanten Austausch
herzustellen?
jt_ Um das klar zu sagen: Ich bin nicht generell
gegen Fusionen, Kollaborationen oder gar Elektronik. Es kommt immer darauf an,
wer die Begegnung von Musikern initiiert oder wer an den Knöpfen dreht. Und da
gibt es viele positive Beispiele: Das junge Londoner Label Apartment 22
(Vertrieb efa) brachte uns 1998 mit dem Album “Logozo” eine bahnbrechende
Verbindung von kolumbianischer Salsa mit Drum & Bass. 1999 ließ die CD „Halalium“
von U-cef aufhorchen. U-cef ist ein in London lebender Marokkaner, der
traditionelle Klänge mit “broken beats” verbindet. Oder Cheb-i-Sabbah ein in San
Francisco lebender Algerier, der auch schon mit Don Cherry zusammengearbeitet
hatte. Auf „Shri Durga“ (Nation/Zomba) kreuzt er von ihm selbst aufgenommene
indische Musik mit schwebender Elektronik. Seit vielen Jahren gestaltet er einen
höchst interessanten Clubabend: die lautesten und schnellsten Stücke spielt er
gleich zu Beginn seines Sets, um immer langsamer und akustischer zu werden. Am
Ende tanzen die Leute dann in Trance zu Liedern des großen Nusrat Fateh Ali
Khan. Oder aber die Suns of Arqa (alle CDs im Vertrieb der efa), ein
multiethnisches Musikerkollektiv aus Birmingham. Das gestaltet Musik, die sich
erfolgreich gegen jedwede Kategorisierung sperrt. Ihre virtuose Mischung aus
erdigen Reggae-Beats und indischer Musik, angereichert mit Dubeffekten
begeistert den Reggaefreak genauso wie den Weltmusikhörer. Wo sonst oft nur ein
konturloser Kulturmatsch als interkultureller Dialog glorifiziert wird, findet
hier eine vielschichtige musikalische Kommunikation statt. Wer einmal die
Geschichte des Produzenten Fizzè, seiner Abenteuer auf Jamaika und mit
(schwarzen) Blues-, Jazz und Reggae-Musikern in der Schweiz gelesen hat
(www.mensch3000.ch), der hat ein gutes Beispiel für „Wahrhaftigkeit“ kennen
gelernt. Es gibt also nicht nur schlechte Nachrichten.
pn_ Weltmusik findet ja inzwischen ihr Publikum,
nur im in den Medien wird sie kaum sicht- und hörbar. Wie erklärt sich dieses
Missverhältnis?
jt_ Hier muss man genau differenzieren. Das
Publikum, dass heute Weltmusik hört ist in den letzten 20 Jahren sehr viel
größer geworden. Weltmusik verkauft heute mehr CDs als Klassik. Das spiegelt
sich auch bei den Festivals. Es gibt heute doch kaum ein ernst zu nehmendes
Jazz-Festival mehr, das ohne Weltmusik auskommt. Das Problem, das wir mit den
Medien haben ist, dass die Medien glauben, immer ganz genau zu wissen, was die
Leute wollen. Das stimmt aber leider nicht. Die Presse scheint Profiteuren wie
Oliver Shanti indifferent gegenüberzustehen, anstatt z.B. den Ergüssen der
Shantischen Keyboards die Berechtigung, als "Weltmusik" zu firmieren,
abzusprechen. Lieber haut man dann auf’s ganze Genre. Wagen wir einen Vergleich:
Es gibt hunderte von miesen Jazz-Aufnahmen und Bands. Würde es aber je einem
Redakteur einfallen, zu sagen: "Jazz ist Schrott", um damit auch Charlie Parker
& John Coltrane zu verdammen? Hier ist eine dringende Klärung nötig. Im
europäischen Vergleich tut sich Deutschland mit der Weltmusik dabei ungleich
schwerer als beispielsweise Frankreich. Hier werden Künstler wie Cesaria Evora
oder Khaled als Gast der wichtigsten Nachrichtensendungen ins Fernsehen
eingeladen, von Konzertübertragungen oder den äußerst populären
Samstagabend-Unterhaltungssendungen will ich gar nicht sprechen. Das hat dazu
geführt, dass sich diese Musik einerseits dem lokalen Mainstream angeglichen
hat, aber im Schlepptau dieser Entwicklung hat sich in Frankreich auch vieles
geöffnet. Und zwar sowohl bei alten wie bei jungen Leuten.
pn_ Die Entwicklung zu einer Art Weltkultur, die zumindest die Offenheit
und den Respekt für andere Kulturen beweist, läuft langsam. Ist der Gedanke
überhaupt eine Illusion?
jt_ Nun ja, wir reden von Weltliteratur und niemand
hat ein Problem damit, obwohl auch diese Literatur noch sehr viel Lobbyarbeit
benötigt. In der bildenden Kunst sieht man eine ähnliche Entwicklung. Sie öffnet
sich langsam und gerade die beiden letzten Documentas das ganz deutlich gezeigt.
Für die Musik gilt im Grunde das gleiche. Interessanter Weise war es Anfang der
80er Jahre noch leichter Weltmusik zu propagieren, quasi aus einer
Minderheitenposition heraus, aus einer Art Dissidenz zur Popkultur. Das hat sich
mittlerweile nivelliert. Drum&Bass, eine typische Undergroundmusik, wurde
schnell aufgenommen und z.B. zu Jingles für Sportsendungen verarbeitet.
Deutschland ist aber in gewisser Weise auch eine Ausnahmeerscheinung. Weiter
Richtung Süden haben sich beispielsweise gerade die Globalisierungskritiker ihre
eigene Musik geschaffen. Einen Soundtrack, der bei Musikern wie Manu Chao aus
dem Zusammenfließen vieler unterschiedlicher Stile entsteht und über den sich
viele Freunde von Attac definieren. Wir hier in Europa sind so unglaublich
privilegiert. Im Grunde müssten wir die ersten Partner für Afrika und Arabien
sein. Wir haben diese Länder zwar in der Vergangenheit kolonialisiert, aber wir
haben sie auch kennen gelernt und könnten doch jetzt auch mal was Gutes
zurückgeben. Von Amerika kann man das nicht erwarten. Die glauben immer noch an
einen Kapitalismus, der letztlich nicht lebensfähig ist.
pn_ Klingt ja nicht schlecht „mal was Gutes
zurückgeben“ – nur lebt unsere westliche Zivilisation und Wirtschaft eher vom
Prinzip Nehmen. Mit dem Geben ist es nicht weit her.
jt_ Dazu fällt mir ein Beispiel im Zusammenhang mit
der Expo 2000 und dem Label "Music of One World" ein. Bei diesem Namen ahnt der
Kunde erstmal nichts Böses, denn für eine Welt sind wir ja alle. "Music of One
World" kocht im „Klangwelt-Studio“ sein ungenießbares Süppchen, bestehend aus
viel fadem Keyboard-Geplänkel westlicher Natur, immer hart im Fahrwasser eines
Klaus Schultze und einem kleinen Anteil Ethno-Ambiente, hier mal eine
"exotische" Stimme, dort mal eine chinesische er hu(-Geige). Darüber würde ich
mich ja gar nicht so ärgern, wenn diese Musik nur im Tani Hair-Salon verkauft
würde, der die Künstler des Labels frisiert und für den ein Sampler produziert
wurde. Doch zur Expo wurde in Zusammenarbeit mit der GTZ (Gesellschaft für
technische Zusammenarbeit) ein Sampler mit dem Titel "The Music of One World"
hergestellt. Da haben wir sie also, die schöne neue Welt: Die Expo präsentiert
statt "local music from everywhere" das sich als weltverbessernd gerierende
"Schluchzen des weißen Mannes" aus deutschen Hinterhof-Studios. Und die GTZ, die
als Regierungsagentur eigentlich dafür da ist, Wissen in den Süden zu
transferieren, damit die lokalen Ökonomien sich gegenüber dem Druck des
überreichen Nordens ein wenig behaupten können, gibt dazu noch ihren Segen. Da
kann die Forderung an die GTZ nur noch lauten: Unterstützt Benetton beim Aufbau
seines weltweiten Franchise-Systems! Hoch die internationale McDonaldisierung!
Wozu brauchen wir denn noch eine Vielfalt der Stoffe, Speisen und Klänge?
pn_ Warum tun wir uns hier in Deutschland so schwer
mit der Weltmusik.
jt_ Vielleicht hat es Deutschland schwerer, weil
wir von unseren eigenen musikalischen Wurzeln total abgeschnitten sind. Wir
haben große kulturelle Leistungen hervorgebracht. Aber unsere Volkskulturen
haben wir verloren oder zerstört. Das, was wir heute an Volksmusik erleben ist
doch eine reine Erfindung, eine Inszenierung der Medien. Diese Musik hat
vielleicht noch die Sprache, aber nichts mit ihrer Wurzel zu tun. Deshalb hast
du heute die perverse Situation, dass du in einer Stadt wie Frankfurt Tango,
Salsa, afrikanische Musik hören kannst, aber du kannst dich nicht mehr mit
deutscher Folklore auseinandersetzen.