Ich war angenehm überrascht, als Roland auf meine Anfrage, eine Drum’n’Bass_lastige Produktion mit Hackbrett
in Angriff zu nehmen, sofort mit
Begeisterung zusagte. Es sollte eine CD mit vielen Leitmotiven, vielen
roten Fäden, aber in erster Linie "just a little joyful noise" werden. Eine
Musik aus Jux und Tollerei, der Musik zuliebe, gedacht ohne Prätention.
Die angesprochene Technik sollte unter
allen Umständen immer und nur ein Hilfswerkzeug bleiben. Die Produktion würde geprägt
sein von herrlich
Handgemachtem von Künstlern wie z.B. Alan Kushan mit seinem persischen, filigranen
Santur_Spiel oder Meister Ljubo Majstorovich, dessen virtuoses Saitenspiel einen
sofort und unmittelbar auf den Balkan versetzt. Das ganze Album soll durchzogen
sein von der Liebe zum Handwerk und zum Detail. Es sollte ein ge-spieltes und
ein ver-spieltes Album sein.
Mit der Begegnung des
Klangmaterials von „Tunsch“ entstand der Wunsch, eine andere ‚Arbeitsweise’
einzubinden: der Umstieg von analoger Installation zu volldigitalisiertem
Harddiskrecording brachte moderne Werkzeuge ans Tageslicht. Eine der
Spielwiesen moderner Musik ist sicher die glückliche Weiterentwicklung der
(stumpfen) TechnoSchiene, d.h. Drum And Bass, Chill-Out, Remix oder Ambient und
wie sie alle heissen. Musik, produziert mit intelligenter Zuhilfenahme von Maschinen. Maschinen, welche dermassen raffiniert sind, dass nicht einmal mehr die Frage
interessant ist, ob denn dies oder das auch mit einem ‚richtigen Musiker’
eingespielt wurde. Aufnahme- und Kompositionstechniken, die den modernen „SparAlltag“
reflektieren. Jeder hat einen Komputer. Jeder ist sein eigenes Orchester. Die
Herausforderung heisst mehr denn je: Geistreichtum, Phantasie und Originalität,
die heilige Flamme der Kreativität. Und dennoch, der Wunsch nach
synergetischem ‚Zusammen, von Mensch zu Mensch musizieren’ bleibt
und erweitert die Palette: zusammen mit Mensch
und Maschine; noch mehr Herausforderung.
Erste Versuche resultierten in einem Aufschichten von
verschiedenen klanglichen Bausteinen im Sinne eines Patchworks, einer Collage;
z.B.mit einem selber aufgenommen
Muezzin, den ich schon 1982 verwendet hatte: und schon war der Zauber einer
ersten Messlatte gesteckt... Das Ungewöhnliche an
dieser Improvisation plus Muezzin war, dass wir einen Bass unterlegten, der in
keiner Weise der Tonika für einen solchen Gesang entsprach.
Doch der momentane Schwurbel mit dem provokativen Unsinn der Mohammed-Karikaturen hat
uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zwar wäre die von diesem Muezzin
gesungene Sure aus dem Koran (Ar-Rum, Vers 30)
وَمَا آتَيْتُم مِّن رِّبًا لِّيَرْبُوَ فِي
أَمْوَالِ النَّاسِ فَلَا
يَرْبُو عِندَ اللَّهِ وَمَا آتَيْتُم مِّن
زَكَاةٍ تُرِيدُونَ وَجْهَ
اللَّهِ فَأُوْلَئِكَ هُمُ الْمُضْعِفُونَ
eine nicht-fundamentalistische,
friedliche Botschaft, welche
durchaus im Sinn meiner
Vorstellung gewesen wäre: denke und tue Gutes und Du erreichst mehr als Du verdienst... (aus uralten zoroastrischen Überlieferungen,
lange, lange vor dem Koran!).
Nun haben tagelange Diskussionen mit Islamwissenschaftlerinnen und islamischen
Internetforen allerdings einen ziemlich klaren Bann geworfen: es ist politisch
nicht korrekt, den Qu'ran zu "vertonen". Obwohl
eins unserer Leitmotive des Projektes
beinhaltet, Brücken zu schlagen, hätte dieses Stück gerade heute eine noch
grössere Daseinsberechtigung, weil es uns damit nicht um eine politische
Standortbestimmung geht, sondern um einen "Ruf"; eine Stimme einzubetten;
Paradigmen (z.B. eben die arabische Vortragsweise eines Muezzins) einmal vor
einen anderen Hintergrund, bzw. musikalische Untermahlung gestellt. Aber es soll
nicht sein. Also wurde der Muezzin wieder rausgenommen, Vokale und Konsonanten analysiert,
vertauscht und neu eingesungen vom heimischen Minaret Mensch aus, ein
'purer' Muezzin (ohne inhaltliche Aussage... eine Art musikalischer Marshmallow). In keiner Weise
ist dies als Karikatur oder Beleidigung gemeint. Einer unserer Dialog-Partner
vom islamischen Forum schreibt: "the melody is no biggie - so long you
don't use the Qu'ran..." und bedankt sich für den Respekt, den wir dem
Thema gezollt haben (d.h. gar nichts aussagen...).
Ein gelöstes Problem, und doch
stimmt es mich sehr bedenklich, dass mit
diesen Karikaturen so ein Hirnschwurbel entstand und stigmatisiert wird bis zum
Absurdum. Und nebenher - gerade neulich - tritt der Ober-Manitou von Nestlé an
die Öffentlichkeit mit einem horrenden Zitat (ob der Herr Direktor Nestlé jetzt
ein Landst-, ein Öste- oder ein Brötchenstreicher ist, und ob der grün oder blau
ist, bzw. ob der an Astralschnuller glaubt oder an etwas anderes spielt
überhaupt keine Rolle):
hat der doch tatsächlich die Stirn, öffentlich auszusagen, Wasser sei ein
Nahrungsmittel und man müsse Wasser privatisieren. Nestlé ist ein
Nahrungsmittelkonzern, also will Nestlé Wasser als Nahrungsmittel "legitimieren"
und verkaufen!
Solch ein Statement bedürfte wirklich Millionen Menschen, die auf die Strasse
gehen.
Aber eben: versuche Gutes, und Du wirst John Lennon
kennenlernen... Heisst Du Marshmallows, dann wählen sie Dich zum
Präsidenten!
Aber unser Bestreben gilt eigentlich gar nicht
den Sanktionen (sowenig wie dem Sakralen).
Unser Handwerk ist dem Spieltrieb gewidmet, Freude zu
verschaffen, Positives zu verbreiten und damit recht und billig , Gutes Tun'. Gerade "Beacon of Hope" illustriert, dass alles gut genug ist, eine Brücke zur Hoffnung zu
schlagen, sei dies ein Leuchtkäfer oder - für manche - ein Christ. Die Brücke
ist nur ein Träger. Wir sind die Botschafter. Die Botschaft ist in unserem Fall
eine friedliche Musik der Hoffnung. Es gilt, die andere Seite, die bessere zu
erreichen. Zusammen mit Menschen aus aller Welt, unabhängig von ihrem Glauben
und/oder ihrer Religion und mit diesen Menschen so etwas Friedliches zu tun wie
z.B. "nur" Musik und dabei immer wieder
die
„Messlatte des Ungewöhnlichen“ zu überschreiten.
Mensch Music vernetzt mittlerweile viele Künstler aus früheren Produktionen und
so entstand der Wunsch, auch "auf Distanz" mit Musikern zusammen zu arbeiten.
Viele unserer Freunde sind mittlerweile technisch gut genug ausgerüstet,
Aufnahmen zu Hause zu machen und so ist mit der heutigen
Kommunikationstechnologie (u.a. Internet) die Übermittlung von "Klangbausteinen"
(z.B. Solos) ein willkommener Fehdehandschuh. Sylvain Gagnon lieferte einen
akustischen Stehbass aus Hong Kong, Barbara Dennerlein ein Orgelsolo aus
München, Raphael Zweifel eine Cellopassage aus Paris und Matt Weeks, den wir
persönlich nicht einmal kennen (!), einen fantastischen Funk-Bass aus England... und
alle sind sie mit uns...
Begegnungen virtuell und Begegnungen aus konkreten Situationen: so besuchte der schwedische AusnahmeExzentriker Lars Hollmer eines Tages das Dorf Weite und es wurde
kurzerhand ein kleines Konzert organisiert im nahegelegenen Restaurant
"Heuwiese".
Auch ein Ausschnitt aus dieser Begegnung fliesst nahtlos ins Projekt.
Es ist ein angenehmer Nebeneffekt, dass die Produktion wie ein Gästebuch
fungiert. Jeder musikalische Besuch hinterlässt seine Spur mit einem gemeinsamen
Nenner: positive Botschaften und Betrachtungen, wie z.B. das Gedicht
Bi mongol Chun
Argaliin utaa borgilsan
Maltschnii gert törsön bi
Atar cheer nutgaa
Oelgie min gej boddog
Tsencher manan suunaglasan
Alsiin baraag shirteed
Tselger saichan nutgaa
Setgel bachdam charachad
Uleej baigaa salchi ni
Unseed ch baigaa jum schig
Oerschöölt eejiin min gar
Ileed ch baigaa jum schig
Enerengui saichan sanagdachad
Eleg zurch min dogdloj
Chosgui bayariin nulims
Chojor nudiig min burchdeg.
(Ein Mongole sitzt auf dem Berg und betrachtet seine Umgebung.
Denkt wie schön seine Heimat doch ist. Er spürt den Wind über
seine Wangen streichen, wie er es von seiner Mutter gewohnt ist.
Es fallen Tränen in seiner Glückseligkeit.)
Wie so oft in/während
kreativen Produktionen, entdeckte ich (10 Jahre früher) während der Produktion
eines Industrial_Projektes („Manoeuvres d’Automne“)
ein Phänomen, seit welchem ich immer alle Ohren steif halte: wir ‚bauten’ eine
gigantische Symphonie aus Frosch-, Sumpf- und anderen Naturaufnahmen (damals
noch alles mit Bandschnipseln, Sampling war noch nicht in bezahlbarer
Reichweite) und mischten das ganze mit industriellem Metall-Krawall.
Geblieben von der Produktion ist die lebendige Erinnerung an wie diese
Frosch-Symphonie unveränderlich, absolut und immer magisch groovte. In späteren
Jahren machte ich erneut diese Feststellung: Frösche grooven immer und zu allem!

(Anspieltip: "Canabeat")
- siehe dazu auch "Kulu Hatha Mamnua".
Eine andere Entdeckung
erweckte ebenfalls ‚kreative Gelüste’: eine Produktion
von Wendy Carlos („The Beauty in the Beast“), vor allem getragen von mikrotonalen
Stimmungen, zeigt deutlich, dass ‚verstimmte’ Sachen für's Ohr
durchaus schmeichelhaft sein können (eine von synthetischen Klängen bislang unerhöhrte Wahrnehmung), gerade weil eine "natürliche Reibung" vorliegt.
Und so kam
Gabriel Schiltknecht's herrlich gespieltes Balafon mit all den
klanglichen ‚Unzulänglichkeiten’, bzw. diesen ‚ungewöhnlichen’ Stimmungen,
den Launen dieses Instrumentes wie gerufen...
...und lange hing natürlich die Frage im Raum, ob Herr Waali denn jetzt nicht doch noch einen
Reggae einwirft. Also krempelte Peeni die Ärmel hoch und fand zwei Ostinati von,
mit und zu Schiltknechtens und schon rast da fareilich ein Reggae-Groove durchs
magische Grammophonnadelör.
"SHA" ist auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es zeigt eine opulente
Vielfalt von Klängen, Klangspielereien, Effekten und - vor allem - Kontrasten;
eine neue Form von World Music. Neue Elemente und Produktionstechnologien werden
mit den Wurzeln der eigenen Musik verbunden, die vielen bestehenden Verbindungen
zu den verschiedensten Musikern und Kulturen aus aller Welt aufrecht zu
erhalten, weiter zu pflegen und damit etwas Neues zu schaffen, immer im
Bewusstsein, dass es trotz allem immer nur ein kleines Fenster ist, eine Seite
im Tagebuch, just a joyful noise!
Wir hoffen, den Zeitgeist
getroffen zu haben und verbleiben
mit zeitlosen Grüssen



PS.: ganz besonders freut uns natürlich, dass wir auch
von den fantastischen Künstlern selbst offensichtliche Freude gespiegelt
bekommen, mit von der verrückten Partie gewesen zu sein...
